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Tiergerechte Nutztierhaltung [Animal appropriate husbandry in relation to animal welfare]

Sundrum, Albert (2002) Tiergerechte Nutztierhaltung [Animal appropriate husbandry in relation to animal welfare]. In: Agrarwende in der Nutztierhaltung - Tierschutz im Spannungsfeld von Ökologie und Ökonomie, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), pp. 10-12.

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64Kb

Online at: http://www.bund.net/lab/reddot2/pdf/agrarwende.pdf (S. 10)

Summary

Das Vertrauen der VerbraucherInnen gegenüber tierischen Produkten ist nicht erst seit BSE und MKS gestört. Im Zusammenhang mit dem Auftreten der Buchstabenkrankheiten ist deutlich geworden, dass die Produktionsprozesse in der Nutztierhaltung von den Verbrauchern schon lange nicht mehr und auch von den zunehmend spezialisierten Agrarwissenschaftlern nur noch partiell durchschaut werden. BSE und MKS haben offenbart, wie weit die Nutztierhaltung dem Bewusstsein der Verbraucher entrückt ist und welch eine große Lücke zwischen den Vorstellungen und Bildern über Landwirtschaft und den tatsächlichen Begebenheiten klafft. Es verwundert daher nicht, dass das Terrain mit zahlreichen Vorurteilen zugepflastert ist. Diese lauten z.B. aus Sicht vieler Erzeuger, dass Verbraucher nur an Tiefpreisen interessiert seien, während von Seiten vieler Verbraucher vorgebracht wird, dass Landwirte nur nach der Maximierung ihres Profites streben würden. Das Beharren auf die Richtigkeit des jeweiligen Standpunktes versperrt die Sicht auf die Komplexität der Prozesse, die sich zwischen dem Stall und der Ladentheke abspielen. Es verhindert die Entwicklung von gegenseitigem Verständnis, welches zwingend erforderlich ist, um Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen, den Verlust an Glaubwürdigkeit zu überwinden und das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen. Zu den wesentlichen vertrauensstiftenden Maßnahmen gehört, dass sich sowohl die Erzeuger und der Handel als auch die Verbraucher um eine realistischere Erfassung der Gesamtsituation bemühen.
Im Hinblick auf die Tiergerechtheit von Haltungsbedingungen gilt es zu realisieren, dass die Ansprüche der Nutztiere an die Haltungsbedingungen sehr vielschichtig und komplex sind. Sie ent ziehen sich einer simplen Beurteilung auf einer gradlinigen Skala von sehr gut bis sehr schlecht. Zum einen variieren die Anforderungen der Nutztiere beträchtlich in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht, Gewicht, Leistung etc., weshalb jedem Tier idealer Weise eine auf die tierindividuellen Bedürfnisse abgestimmte Haltungsumwelt geboten werden müsste. Zum anderen wirken zahlreiche Einflussfaktoren der Haltungsumwelt, von der Haltungstechnik über die Fütterung bis zum Mana gement, gleichzeitig auf die Nutztiere. Die zahlreichen Interaktionen zwischen den verschiedenen Einflussfaktoren stehen einer direkten Beurteilung der Haltungsbedingungen im Hinblick auf die Tiergerechtheit anhand technischer Indikatoren entgegen. Die skizzierten Aspekte machen deutlich, dass es ein sehr anspruchsvolles Unterfangen ist, den Nutztieren in ihren spezifischen Ansprüchen an eine gesundheitsfördernde und verhaltensgemäße Haltungsumwelt gerecht zu werden.
Entsprechend sind mit diesem Anspruch hohe Anforderungen sowohl hinsichtlich der Qualität des Management und der Arbeitszeit als auch hinsichtlich baulicher und verfahrenstechnischer Investitionen und Futterqualitäten verbunden. Diese kann sich der Landwirt in der Regel kaum leisten. Die mit der Intensivierung einhergehende Überproduktion hat die Betriebe einem enormen Wettbewerbsdruck ausgesetzt und sie zu einer fortwährenden Steigerung der Produktivität gezwungen. Dies wird auf der einen Seite durch Kosteneinsparungen, z.B. bei der Beschaffung preiswerter Futtermittel, bei der Reduzierung der Bewegungsfläche für die Nutztiere oder beim Verzicht auf Einstreu erreicht. Auf der anderen Seite werden durch züchterische Maßnahmen die Produktionsleistungen gesteigert. Aufgrund der Intensivierung der Produktion und der Steigerung der Produktivität kann der Verbraucher billig einkaufen. Gleichzeitig wird jedoch unter diesen Rahmenbedingungen die Anpassungsfähigkeit der Nutztiere gleich von zwei Seiten (hoher Leistungsanspruch bei suboptimalen Haltungsbedingungen) in die Zange genommen und damit das Erkrankungsrisiko erhöht. Aufgrund der weiterhin ansteigenden Belastungssituation sowohl für die Landwirte als auch für die Nutztiere kann die Forderung der Verbraucher, dass Lebensmittel nur von gesunden Tieren stammen sollen, immer weniger sichergestellt werden. Wenn die Kluft zwischen Bildern über und Wirklichkeit von Landwirtschaft verringert und das Vertrauen zurückgewonnen werden soll, muss die systemimmanente Konfliktsituation entschärft werden. Erst wenn die Bemühungen der Landwirte um ein höheres Maß an Tiergerechtheit honoriert werden, haben diese eine Chance, die dazu erforderlichen kosten- und arbeitsaufwendigen Maßnahmen umzusetzen. Die derzeitigen Abnahmepreise des Handels für tierische Produkte und das Fehlen eines entsprechenden Vergütungssystems verwehren den Landwirten die Möglichkeit, tiergerechte Haltungsbedingungen zu gewährleisten.
Als ein Ausweg aus der verfahrenen Situation drängt sich die Orientierung hin zur Qualitätserzeugung und Produktdifferenzierung auf. Wie das Nebeneinander von Eiern aus Käfig-, Boden- oder Freilandhaltung in den Kaufregalen zeigt, ist der Verbraucher sehr wohl in der Lage, unterschiedlichen Produkt- und Preisangeboten mit einem differenzierten Kaufverhalten zu begegnen. Überdies ergeben sich durch eine Produktdifferenzierung auch begrenzte Verfügbar keiten, die eine wesentliche Voraussetzung für eine Preisdifferenzierung und für das Erreichen angemessener, d.h. kostendeckender Preise sind.
Einer umfassenden Produktdifferenzierung steht entgegen, dass die Agrarwirtschaft nicht nur auf festgefügten Strukturen, sondern auch auf althergebrachten Denkmustern innerhalb festgefügter Erzeugungs-, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen basiert. Häufig wird nur in Schwarz-Weiß Kategorien gedacht. Auch Kritiker bestehender Verhältnisse haben sich häufig nicht die Mühe gemacht, die Hintergründe für etwaige Missstände zu ergründen und den geringen Handlungsspielraum, den die einzelnen Landwirte oder andere Entscheidungsträger aufgrund der vorhandenen Strukturen besitzen, zur Kenntnis zu nehmen. Überzogene und pauschale Anfeindungen bzw. Anforderungen haben die Trutzmauer der Landwirte gegen die von außen geäußerte Kritik eher verstärkt als aufgeweicht und das Klima für Reformbemühungen vergiftet. Gegen eine differenzierte, an den Erzeugungsbedingungen orientierte Produktpalette haben sich in der Vergangenheit nicht nur der Handel und die Bauernverbände, sondern auch Verbraucher- und Tierschutzverbände gewehrt. Ein Anspruchsdenken, das da lautet: Produkte höchster Qualität für alle Verbraucher und Haltungsbedingungen auf höchstem Niveau für alle Nutztiere, und zwar sofort und zu einem niedrigen Preis, ist kontraproduktiv und geht an der Realität vorbei, weil es die Unvereinbarkeit von Qualität und Niedrigpreisen ignoriert.
Einer Diversifizierung tierischer Produkte steht die unbekannte Zahl unkritischer Verbraucher entgegen, die das Recht auf billiges Fleisch als ein Grundrecht auffassen und Forderungen nach einer Verteuerung der Produkte als eine Diskriminierung sozial Benachteiligter und damit als undemokratisch werten. Jenseits der Wahrung gesetzlich festgelegter Mindestanforderungen an die Unbedenklichkeit der Produkte und deren Produktionsweise hat der einzelne Verbraucher seine Kaufentscheidung selbst zu verantworten. Wenn Einzelne oder Gruppen einerseits lautstark Missstände in der Nutztierhaltung anprangern, andererseits aber das Alternativangebot von tiergerecht erzeugten Produkten aus Gründen von Mehrkosten ablehnen, sollte ihnen dafür nicht länger Verständnis entgegengebracht werden. Das vorherrschende Bild von Landwirtschaft ist nicht mehr kompatibel mit der Wirklichkeit und wird der Komplexität der Produktions- und Vermarktungsprozesse nicht gerecht. Es ist nicht nur höchste Zeit für eine Agrarwende, sondern auch für eine Wende im Bewusstsein von Erzeugern, Handelsorganisationen und Verbrauchern.


EPrint Type:Conference paper, poster, etc.
Type of presentation:Paper
Keywords:Verbraucheransprüche, Tiergerechtheit
Subjects: Animal husbandry > Health and welfare
Research affiliation: Germany > University of Kassel > Department of Animal Nutrition and Animal Health
Deposited By: Sundrum, Prof. Dr. Albert
ID Code:911
Deposited On:23 Jul 2003
Last Modified:28 Jun 2010 10:54
Document Language:German - Deutsch
Status:Published
Refereed:Not peer-reviewed
Additional Publishing Information:Der gesamte Tagungsband ist online verfügbar unter
http://www.bund.net/lab/reddot2/pdf/agrarwende.pdf (Accessed 15.7.2003)

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